Okt 21

Die Flucht der Naziverbrecher

 Autor: Lukas Forer

Juli 2013


Einstiegsarbeit im Fach Geschichte

Lukas Forer

Wirtschaftsfachoberschule “Heinrich Kunter” Bozen

Fachrichtung Europa “Brocca”

Klasse 5B-EU

    Juli 2013
Fachlehrerin: Monika Trojer

Inhaltsverzeichnis

  1. Einleitung                                            2
  2. “Ratlines”                                            3
  3. Südtirol als Nazi-Schlupfloch                                5
  4. Die Fluchthelfer                                        6

    4.1 Die Rolle der katholischen Kirche                        7

    4.1.2 Entnazifizierung durch Taufe                            10

    4.2 Die Rolle des Roten Kreuzes                            10

5. Flüchtlings- und Internierungslager                            12

6. Flüchtlingsland Argentinien                                15

7. Die Flucht Adolf Eichmanns                                17

8. Schlusswort                                        18

Quellenverzeichnis                                    19

    Eigenständigkeitserklärung    20


1. Einleitung

In diesem Einstiegsthema beschäftige ich mich mit der Flucht hochrangiger Naziverbrecher in den Jahren nach dem Ende des zweiten Weltkrieges 1945. Die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, vor allem die der beiden Weltkriege, ist jene, die mich seit jeher besonders interessiert. Die furchtbaren Verbrechen, die während des Krieges von Deutschen am jüdischen Volk verübt wurden, sind allseits bekannt und müssen nicht mehr näher erläutert werden. Interessant ist jedoch, was mit den Hauptverantwortlichen des Krieges und des Holocausts geschah. Was geschah mit denjenigen, die bei Kriegsende, als die Lage aussichtlos erschien und die Angst vor den Siegermächten groß war, nicht sofort in den Freitod gingen? Ein Gespräch mit meinem Großvater, einem sehr geschichtsinteressierten Menschen, in dem er mir über die bedeutende Rolle Südtirols bei der Fluchthilfe für Kriegsverbrecher erzählte, weckte mein Interesse an dem Thema. Mein Einstiegsthema soll Aufschluss über dieses weniger bekanntes Kapitel der Nachkriegsgeschichte geben und die damaligen Begebenheiten und Vorgänge anschaulich darstellen. Dabei werde ich auf die Rolle der katholischen Kirche und des Internationalen Roten Kreuzes eingehen, jener beiden Institutionen, welche maßgeblich an der Fluchthilfe beteiligt waren, ebenso auf die flüchtigen Verbrecher und deren Fluchtroute eingehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

2.Ratlines
Die Fluchtwege von Kriegsverbrechern aus dem NS-Regime am Ende des zweiten Weltkriegs wurden von US-amerikanischen Geheimdiensten und Militärkreisen als Klosterrouten oder auch Rattenlinien (englisch “Ratlines”) bezeichnet. Klosterrouten deshalb, da hochrangige Vertreter der katholischen Kirche als Fluchthelfer fungierten. Diese Fluchtrouten führten aus den von den Alliierten besetzten Gebieten über die Alpen nach Italien und von dort aus weiter nach Argentinien. Der Großteil der Kriegsverbrecher, Faschisten und deren Kollaborateure aus ganz Europa, flohen meist über die Alpenpässe wie den Brenner- und den Reschenpass, sowie über die Birnlücke ins Ahrntal nach Südtirol. Sie galten als Pforten in ein neues Leben; und von dort ging es weiter Richtung Süden. Dazu wurden Routen des schon seit Jahrhunderten existierenden Schmugglerwesens genutzt. Die zu befördernden Personen waren den Schmugglern meist unbekannt und die angegebenen Namen selten richtig. Ein Mittelsmann brachte die illegalen Grenzgänger in kleinen Gruppen jeweils zu einem eingeweihten Bergführer, der sie auf einer ihm vertrauten Route nach Südtirol führte, wo sie dann meist eine weitere Verbindungsperson empfing. Die Anwohner dies- und jenseits der Brennergrenze kannten sich, familiäre Bande und freundschaftliche Bindungen waren nicht selten, und die Schmugglertradition war in einigen Gegenden seit Generationen eine feste Routine.
Organisierte Schlepperbanden halfen den Grenzgängern gegen Bezahlung auf ihrer Flucht. Der Mittelmeerstaat Italien galt als das ideale Durchzugsland, da die Verwaltung und Rechtsprechung in der Hand der nationalen Behörden war und es somit kaum bürokratische Hürden oder Kontrollen gab. Außerdem verfügte die Italienische Halbinsel über eine große Anzahl an Häfen. Die bedeutendsten in Oberitalien waren etwa Genua, Savona oder La Spezia. Von dort aus fuhren Schiffe in die Flüchtlingsländer, welche sich überwiegend auf dem südamerikanischen Kontinent befanden. Der Hafen von Genua galt als “Sprungbrett” in die argentinische Hauptstadt Buenos Aires. Fluchthelfer verhalfen den Belasteten mit gefälschten Identitäten und Ausweispapieren auch in arabische Länder wie beispielsweise Syrien und auch in den Irak.

 

3. Südtirol als Nazi-Schlupfloch

Südtirol war als Grenzland das ideale Durchzugsgebiet für Naziverbrecher. Es war in politischer Hinsicht eine Art “Niemandsland”, dessen Bevölkerung aufgrund der jahrelangen Unterdrückung und Diskriminierung durch die Faschisten größtenteils deutschfreundlich gesinnt war. Nach dem Abzug der Alliierten aus Südtirol im Dezember 1945, befand sich das Land in einer Art “Schwebezustand”, da es keiner direkten Kontrolle durch eine Militärregierung unterstand. Bereits kurze Zeit nach Kriegsende kamen die ersten prominenten Nazis nach Südtirol, so die Familie von Reichsminister Martin Bormann beispielsweise, welche 1945 vom zerbombten Obersalzberg nach Meran floh. Das Kurstädtchen Meran galt bereits vor 1945 als beliebtes Refugium der NS-Prominenz. Der “Alto Adige” schrieb im Mai 1947 unter dem Titel “L’ Eldorado dei collaborazionisti”:

“Allen ist Meran als eine Art Eldorado von großen und kleinen Fischen bekannt.”

Grund dafür war, dass man in Meran durch die sehr hohe Dichte an Deutschen verhältnismäßig einfach an Dokumente gelangte, welche zur Flucht benötigt wurden. Neben Meran wurden in zahlreichen anderen Gemeinden, dazu zählen Vahrn, Brixen Algund und Graun, meist von im Amt gebliebenen NS-Bürgermeistern Dokumente ausgestellt. Diese kommissarischen Bürgermeister waren seit der durch die Operation Fall Achse deklarierten Operationszone Alpenvorland 1943 im Amt. Eine beliebte Zwischenstation auf dem Weg durch die “Drehscheibe Südtirol” Richtung Süden war das Weindorf Tramin. Es galt als Hochburg des “Völkischen Kampfrings Südtirols”, kurz VKS, einer nationalsozialistischen Organisation. Diese hatte unter anderem guten Kontakte zu zahlreichen Fälscherbanden, welche gegen Bezahlung die verschiedensten Dokumente beschaffen konnten. Der Bürgermeister von Tramin, ebenfalls Mitglied des VKS, verschaffte den Flüchtlingen per Blankoformular einen Identitätsausweis. Auf diese Weise wurden Verbrecher wie
Adolf Eichmann, Josef Mengele und Erich Müller allesamt Bürger der Gemeinde Tramin.

 

4. Die Fluchthelfer

Die Fluchthilfe war anfangs sehr stark improvisiert und wuchs erst im Laufe der Zeit zu einem komplexen Geflecht von Einzelpersonen, Institutionen und Staaten zusammen. Einzelhelfer wie Hudal oder Draganovic, Institutionen wie das Rote Kreuz oder die katholische Kirche sowie Staaten wie Argentinien bildeten die wichtigsten Säulen des Systems. Bei der Fluchthilfe spielen zwei Institutionen eine besonders wichtige Rolle: Die katholische Kirche und das Rote Kreuz. Ebenfalls verwickelt war die Großorganisation des US-Geheimdienstes, welche die Fluchtwege dazu benutzte, um amerikanische Spione und Agenten schnell und diskret aus den von den Sowjets besetzten Gebieten zu schaffen. Geheimdienstbeamte der Nazis wurden “recycelt” und für eigene Zwecke eingesetzt. Ein Beispiel dafür ist der deutsche Raketeningenieur Arthur Rudolph, der nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA gegangen war und dort maßgeblich an der Konstruktion der “Saturn 5″-Trägerrakete beteiligt war, die 1969 erstmals Menschen auf den Mond brachte. Während des

Zweiten Weltkriegs leitete Rudolph die Fabrik im KZ Mittelbau-Dora bei Nordhausen in Thüringen. Er war von 1934 bis 1945 an der Entwicklung der V2-Rakete beteiligt. Eines haben diese drei Helfer gemeinsam: Ihr Ziel war es, den Kampf gegen den

gemeinsamen Feind, den Kommunismus, fortzusetzen und einen Machtverlust gegenüber dem Osten
zu verhindern. Der Kalte Krieg hatte bereits begonnen. Durch ihre Mithilfe gelang es tausenden schwer belasteten NS-Verbrechern sich nach dem Krieg der Strafverfolgung zu entziehen.

4.1 Die Rolle der katholischen Kirche

Die katholische Kirche ist als Institution tief in die Vorgänge der Nachkriegszeit verstrickt. Der damals amtierende Papst Pius XII. stattete Mitarbeiter mit den zur Organisation der Ausschleusung nötigen Kompetenzen aus. Ob die Würdenträger damals wussten, wem die Hilfe zugute kam, ist unklar. Es wird jedoch davon ausgegangen, dass die Vorgänge von den Verantwortlichen der katholischen Kirche, in erster Linie vom Papst, stillschweigend gebilligt wurden. Die Auffassung, diese Aktivitäten würden dem Kampf gegen den Kommunismus dienen, war damals stark verbreitet. Nazis wurden als Antikommunisten angesehen. Es galt, dem gottlosen Kommunismus den Kampf anzusagen. Ziel der katholischen Kirche war eine Rechristianisierung Europas, um eine Machtübernahme der Kommunisten zu verhindern. Große finanzielle Unterstützung erhielten der Vatikan und seine Hilfsorganisationen dabei von der katholischen Kirche in den USA. Ein päpstlicher Delegierter schrieb 1948 an den Erzbischof von New York und Leiter der “National Catholic Welfare Conference” (NCWC), Kardinal Francis Spellman, welcher für den Geldfluss aus den USA zuständig war:

“Der atheistische Kommunismus wird einen Polizeistaat in Italien errichten, wenn er die Macht übernehmen sollte. Der gottlose Kommunismus wird die Unterjochung Italiens als seinen größten Erfolg ansehen. Sein Ziel ist die Zerstörung der katholischen Kirche in Italien, um dadurch den weltweiten Einfluss der katholischen Kirche auszumerzen.”

Als Kopf der Fluchtorganisation galt der kroatische Franziskaner-Geistliche und Ustascha-Anhänger Dr. Krunoslav Draganovic. Zusammen mit dem österreichischen Bischof Alois Hudal, ebenfalls eine Schlüsselfigur des kirchlichen Netzwerkes, baute er ein Fluchthilfeunternehmen auf. Dieses wurde größtenteils von Faschisten aus ganz Europa, hauptsächlich NS-Verbrechern und Ustascha-Anhängern, jedoch auch vom amerikanischen Geheimdienst CIC genutzt.

Die Päpstliche Hilfskommission für Flüchtlinge (ital. “Pontificia Commissione Assistenza Profughi”), kurz PCA, welche in Rom stationiert war, war Dreh-und Angelpunkt der Fluchthilfe seitens der Kirche. Der Papst hatte sich tatkräftig für die Entstehung eingesetzt und beauftragte Monsignore Giovanni Battista Montini mit der Verwaltung des Hilfswerks, das sich ursprünglich für katholische Flüchtlinge, später hauptsächlich für sogenannte “Kriegsgeschädigte” einsetzte. In den zahlreichen Unterkomitees, – in Italien gab es 22 Außenstellen der PCA-, welche aufgrund des riesigen Flüchtlingsansturms notwendigerweise eingerichtet wurden, wurden den Flüchtlingen anstandslos Visa ausgegeben. Anhand dieser Visa ließ sich ein Reisepass beim Roten Kreuz besorgen. Ohne Reisepass war eine Ausreise nicht möglich und ein Visum völlig nutzlos. Dies führte dazu, dass die begehrten Rot-Kreuz-Pässe von den kirchlichen Hilfskomitees ausgegeben wurden, um eine sichere Ausreise der Antragsteller zu garantieren. Krunoslav Draganović, der damalige Sekretär der kroatischen Nationalkirche im Vatikan, verteilte die IKRK Reisepässe an Ustascha-Anhänger, er selbst nannte sie “seine Kroaten” und agierte als eine Art Delegation des Roten Kreuzes in Rom.

Hudal, der Rektor des deutschen Priesterkollegs
in Rom, war um die Abwehr des “Ostbolschewismus” bemüht und strebte eine Symbiose zwischen Katholizismus und Nationalismus an. Sein Hauptwerk, das den Titel “Die Grundlagen des Nationalsozialismus” trug (1936), widmete er dem Führer mit den Worten: “Dem Führer der deutschen Erhebung [und] Siegfried deutscher Hoffnung und Größe.”

In seiner Autobiographie, welche im Jahre 1937 erschien, äußerte er sich sehr deutlich zum Thema Fluchthilfe:

“Ich fühlte mich nach 1945 verpflichtet, mein gesamtes wohltätiges Werk hauptsächlich früheren Nationalsozialisten und Faschisten zu widmen, besonders den so genannten Kriegsverbrechern.”

Erst nach massivem Druck seitens des Vatikans trat Hudal 1952 als Rektor des deutschen Priesterkollegs zurück. Er starb 1963. In seinen Memoiren lehnte den Nationalsozialismus in seiner konkreten Ausprägung ab; er bekannte sich jedoch als klarer Antikommunist.

4.1.2 Entnazifizierung durch Taufe

Ein weiterer interessanter Aspekt, der mit der Fluchthilfe der Kirche zu tun hat, ist die als Reueakt ausgelegte Wiedertaufe von ehemaligen Faschisten. Laut Glaubenslehre gilt die Taufe, wie alle Sakramente, die von Christus verliehen werden, als Heilmittel. Zahlreiche bekannte Nazigrößen, darunter der “Buchhalter des Todes” Adolf Eichmann, SS-Führer Erich Priebke oder der Kommandant des Konzentrationslagers Ausschwitz, Rudolf Höß, unterzogen sich einer solchen Heilung. Meistens versprachen sie sich Vorteile davon. Die Sünder mussten vor ihrer Wiederaufname in die katholische Kirche schwören, die Irrlehre des Nationalsozialismus zu verwerfen. Es wurde Seelenernte durch Aussöhnung betrieben.

4.2 Die Rolle des Roten Kreuzes

Mit den Reisepapieren, die das Rote Kreuz seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ausstellte, gelang es Tausenden Kriegsverbrechern, darunter bekannten Namen wie Adolf Eichmann, Erich Priebke und Josef Mengele, sich in die Flüchtlingsländer abzusetzen. Dazu benötigte man einen gültigen Reisepass und ein Visum. Beide Dokumente wurden in Italien ausgestellt. Die Delegationen des IKRK in Rom stellten von 1944 bis in die fünfziger Jahre an die 120.000 IKRK-Pässe aus, welche den Flüchtlingen eine Weiterreise in die Flüchtlingsländer ermöglichte.

Die Pässe wurden ausschließlich in Rom ausgestellt. Anträge konnten jedoch in den zahlreichen Außenstellen gestellt werden, in welche sie anschließend versandt wurden. Die Beschaffung eines solchen Reisepasses stellte sich in den meisten Fällen als sehr einfach heraus. Die zuständigen Behörden waren mit der Menge der Gesuchsteller jedoch maßlos überfordert. Es wurde nur unzureichend kontrolliert, wem die Pässe ausgehändigt wurden. Es genügten zwei Zeugen, die die Angaben über die Identität des Antragsstellers bestätigten. Bei drei Kameraden, welche einen Antrag stellten und sich gegenseitig deckten, bekamen im Normalfall also alle drei einen Reisepass. Besser noch, man konnte einen Persilschein des Vatikans vorweisen, der zuvor von den katholischen Fluchthelfern ausgestellt wurde. SS-Angehörige mischten sich also oftmals unter die vertriebenen Flüchtlinge aus den Ostdeutschen Gebieten und gaben sich als “staatenlose Volksdeutsche” aus. Den damaligen IKRK-Präsidenten Paul Ruegger und Carl Jacob Burckhardt werden heute eine prodeutsche Haltung und ein unterschwelliger Antisemitismus nachgesagt. Burckhardt wurde von seinem Biographen Paul Stauffer vor allem wegen seiner Selbstdarstellung als Widerständler kritisiert. Beide hatten sehr enge Kontakte zu wichtigen Funktionären des Dritten Reiches. Dies könnte eine bedeutende Rolle gespielt haben, da die Zentrale des Roten Kreuzes in Genf schon sehr früh von den Missbräuchen Bescheid wusste, jedoch lange Zeit nichts dagegen unternahm. Das Internationale Rote Kreuz hat sich mehrmals für die Geschehnisse entschuldigt. Die Lage damals war aufgrund der riesigen Anzahl von Flüchtlingen außergewöhnlich und nur sehr schwer handhabbar. Ein Sprecher des IKRK ließ folgendes verlauten:

“Es gab damals Tausende Flüchtlinge aus völlig ungeklärten Verhältnissen. Hätte man wirklich verlässliche Kontrollen eingeführt, hätte man zwangsläufig auch vielen echten Flüchtlingen nicht mehr helfen können”.

Die Archive des Roten Kreuzes sind für Forschungen zugänglich, es wurde Zugang zu bisher geheimen Quellen gewährt. Dazu gehören bisher unbekannte Dokumente der Korrespondenz zwischen der Zentrale in Genf und der Italienischen Delegation, welche als äußerst aufschlussreich gelten.

5. Flüchtlings- und Internierungslager

Die Siegermächte setzten nach dem Krieg alles daran, die Schuldigen ihrer gerechten Strafe zuzuführen. Dies war aber alles andere als einfach, da ganz Europa von Millionen von Flüchtlingen verschiedenster Art übersät war. Dazu gehörten außer den Kriegsverbrechern auch Kollaborateure und Antikommunisten, Juden, die nach Palästina flüchten wollten, Volksdeutsche, die aus den Ostgebieten vertrieben wurden, Deserteure, Zwangsarbeiter und schließlich Überlebende des Holocausts. Die sogenannten “großen Fische” der Nazis tauchten in der Masse der Flüchtlinge unter. Die Alliierten ordneten die Flüchtlinge bestimmten Kategorien zu, um sie besser differenzieren zu können. Es wurde zwischen Staatsangehörigen der alliierten Nationen und Staatsangehörigen von feindlichen Staaten unterschieden. Diese sogenannten Displaced Persons (DP) hielten sich in ganz Europa auf. Insgesamt rechneten die Alliierten mit knapp 12 Millionen DPs; allein in Deutschland waren es geschätzte 6,5 Millionen. Viele dieser de facto staatenlosen Flüchtlinge konnten direkt nach Kriegsende nicht in ihre Heimat zurückkehren und wurden
in DP-Lagern, welche den Namen “Rheinwiesenlager” trugen, untergebracht. Von diesen Lagern waren die von alliierten Truppen besetzten Gebiete, darunter auch die italienische Halbinsel, übersät. Zur Unterbringung dienten ehemalige Durchgangslager der Nazis oder Konfinierungslager des Faschismus, wie es das Lager Dulag in Bozen war. Jedoch auch provisorisch eingerichtete Villen, Kinosäle und dergleichen wurden dafür benutzt. Ein Beispiel dafür ist das britische Internierungslager Rimini Bellaria, in dem 150.000 Mann inhaftiert waren. Die Alliierten versuchten aus der Masse der Internierten die Kriegsverbrecher herauszufiltern, was sich bei der schwer überschaubaren Menge an Flüchtlingen als äußerst schwierig erwies. Ab dem Jahre 1947 zeigten die Alliierten immer weniger Interesse an den Kriegsgefangengen, zogen sich von der Flüchtlingsbetreuung zurück und überließen ihre Tätigkeit zum größten Teil der neu gegründeten International Refugee Organisation, kurz IRO. Hauptziel der IRO war es, für die Repatriierung, die Rückkehr möglichst vieler Flüchtlinge in ihre Heimat zu sorgen, was größtenteils gelang: Bereits 1946 waren 93 Prozent in ihr Ursprungsland zurückgeführt. Durch die Entlassung vieler Kriegsgefangener sank die Zahl der Flüchtlinge in Italien in den ersten beiden Kriegsjahren stark. Viele Lager wurden aufgelöst, vielen gelang die Flucht. So konnte beispielshalber Erich Priebke, der ebenfalls in Rimini interniert war, in der Silvesternacht die Trunkenheit der Wachen ausnützen und zusammen mit fünf seiner SS-Kameraden entkommen. Er beschrieb es später so:

“Am 31. Dezember 1946 profitierten wir von den Silvesterfeierlichkeiten. Die Engländer tranken und feierten und die Polen waren betrunken. Wir konnten zu fünft fliehen: drei Unteroffiziere, ein Offizier und ich. Wir versteckten uns im Ansitz des Bischofs und dort begann unsere eigentliche Flucht.”




6. Flüchtlingsland Argentinien

Als das wichtigste Flüchtlingsland für Kriegsverbrecher der damaligen Zeit galt Argentinien. Schätzungen zufolge erreichten mindestens 300 bis 350 NS-Funktionäre, darunter 50 schwerbelastete Kriegsverbrecher und Massenmörder, das von dem rechtspopulistischen Diktator Juan Peron regierte Argentinien, welches seit jeher als deutschfreundlich galt. Erst 1945 ist der Druck seitens der USA auf den südamerikanischen Staat, der sich bis dahin neutral verhalten hatte, zu groß geworden: Argentinien erklärte Hitler als letzter Staat der späteren alliierten Siegermächte den Krieg. Peron, ein Bewunderer Hitlers und Mussolinis, wollte nach seiner Machtübernahme im Jahr 1946 Argentinien modernisieren und sein Militär aufrüsten. Dazu wurden Fachleute gebraucht, die nach Kriegsende gezielt angeworben wurden. Dies geschah vorwiegend in Italien, wo argentinische Diplomaten in Zusammenarbeit mit untergetauchten SS-Offizieren ein äußerst effektives System aufbauten, um geeignete Personen ausfindig zu machen und diese nach Argentinien zu überführen. Teilweise wurde auch mit kirchlichen Stellen kollaboriert. Die Reisekosten für Wissenschaftler, Techniker und anderen Spezialisten wurden vom Staat übernommen. Mit dem Wissen europäischer Einwanderer erhoffte sich Peron eine rasche Industrialisierung des Landes. Die Siegermächte erhoben alle einen gewissen Anspruch auf deutsche Spitzenkräfte, was einen Konkurrenzkampf zur Folge hatte. Dieser wurde durch den Vertrag von Chapultepec, welcher in Mexico 1945 zwischen den USA und den südamerikanischen Staaten geschlossen wurde und Argentinien in der Rekrutierung von Fachpersonal einschränkte, beendet. Argentinien hielt sich nicht an die vereinbarten Kontrollbestimmungen und setzte sich über die Abmachungen hinweg. Es war weiterhin, vor allem in Italien, eine große Anzahl von Diplomaten und Agenten unterwegs um aktiv Fachleute anzuwerben. So wurde beispielsweise die hochdekorierte Fliegerlegende Hans-Ulrich Rudel von Diktator Peron als Luftwaffenberater angeworben. Unter der Leitung von Flugzeugskonstrukteur Professor Kurt Tank und in Zusammenarbeit mit 60 ehemaligen deutschen Rüstungsingenieuren, bildeten sie das sogenannte “Team Tank”. Dadurch wurde der Feind zum Freund, von dem man sich Vorteile erhoffte. Ein bestimmter Personenkreis, meistens Menschen mit faschistischem Hintergrund, wurde bevorzugt. Nazis galten auch deswegen als geeignet, da es in vielen Teilen des Landes mit insgesamt 240.000 deutschstämmigen Personen bereits eine große aktive deutsche Gemeinde gab und eine Assimilierung somit leicht möglich gewesen ist.


7. Die Flucht des Adolf Eichmann

Die Person Adolf Eichmann eignet sich meines Erachtens besonders gut zur Illustration der damaligen Geschehnisse, weshalb ich die Geschichte seiner Flucht im Folgenden genauer erläutere.

SS-Obersturmbannführer Otto Adolf Eichmann war Leiter der Gestapo-Abteilung mit der Bezeichnung “Eichmannreferat”, welche für die Organisation und Durchführung der sogenannten Endlösung zuständig war. Eichmann gilt als Hauptverantwortlicher für den industriellen Massenmord an den Juden im Zweiten Weltkrieg. Als Obergefreiter der Luftwaffe geriet er im Frühling 1945 in US-Kriegsgefangenschaft und wurde in Oberdachstetten, einem kleinen Kriegsgefangenlager im Landkreis Ansbach in Bayern inhaftiert. Ihm gelang mithilfe alter Seilschaften die Flucht aus der amerikanischen Internierungshaft. Der Massenmörder lebte mit gefälschten Papieren von 1946-1950 in der Lüneburger Heide, wo er anfangs als Holzfäller arbeitete und später seinen eigenen Geflügelhof betrieb. Nachdem er genug Geld angespart hatte, brach er Richtung Süden auf. Die Grenze nach Österreich überquerte er bei Kufstein als Bergsteiger verkleidet. Mit dem Taxi ging es weiter an die Italienische Grenze, wo bereits die Schlepper auf ihn warteten. Der Pfarrer von Sterzing brachte ihn ins Franziskanerkloster Bozen. Dort wurde er von den Mönchen, so wie viele andere “braune Größen” nach Kriegsende für einige Wochen versteckt gehalten. Der Bürgermeister von Tramin persönlich verschaffte Eichmann am 2. Juni 1950 einen Personalausweis. Josef Klement, so sein neuer Deckname, gab sich als einer der 75.000 Optanten aus, welche sich 1939 für die Auswanderung ins Deutsche Reich entschieden hatten und die italienische Staatsbürgerschaft abgeben mussten. Als Staatenloser hatte er Anrecht auf einen Reisepass vom Roten Kreuz. Am 14. Juni 1950 emigrierte Eichmann und verließ Italien über Genua mit dem Schiff nach Buenos Aires. Wenige Zeit später folgte ihm seine Familie, seine Frau mit den drei Söhnen. In einer Mercedes Benz-Fabrik wurde er als Schweißer und Mechaniker angestellt. Im Jahr 1960 wurde Rikkardo Klement, so sein letzter Deckname, von Einheiten der israelischen Geheimdienste Mossad und Lakam nach monatelanger Observation vor seinem Wohnort in San Fernando entführt und nach Israel gebracht. Vor dem Jerusalemer Bezirksgericht wurde dem Massenmörder anhand von 15 Anklagepunkten, darunter “Verbrechen gegen das jüdische Volk” und “Verbrechen gegen die Menschlichkeit”, ein neun Monate dauernder Prozess gemacht. Es schien so, als wären die Richter an der Frage, wie Eichmann es schaffte, nach Argentinien zu entkommen, gar nicht interessiert. Das Thema Flucht wurde nicht behandelt. Der Angeklagte zeigte den gesamten Prozess über keine Reue für seine Taten und bezeichnete sich selbst nur als “Rädchen im System”, das stets nach dem “Führerprinzip” gehandelt und somit lediglich als Befehlsempfänger fungiert habe. 1957 hatte er in Argentinien im Sassen-Interview noch Folgendes auf Tonband gesprochen:

“Ich muß Ihnen ganz ehrlich sagen, hätten wir von den 10,3 Millionen Juden, die Korherr, wie wir jetzt nun wissen, ausgewiesen hat, 10,3 Millionen Juden getötet, dann wäre ich befriedigt und würde sagen, gut, wir haben einen Feind vernichtet.”

Im Mai 1962 wurde das Todesurteil durch den Strang vollstreckt.

Eichmanns letzte Worte lauteten wie folgt:

“In einem kurzen Weilchen, meine Herren, sehen wir uns ohnehin alle wieder. Das ist das Los aller Menschen. Es lebe Deutschland. Es lebe Argentinien. Es lebe Österreich. Ich grüße meine Frau, meine Familie und meine Freunde. Ich hatte den Gesetzen des Krieges und meiner Fahne zu gehorchen. Ich bin bereit.”

8. Schlusswort

Ich habe mich im Laufe der Entstehungszeit meines Einstiegsthemas ausführlich mit den historischen Begebenheiten der Fluchtbewegungen von Naziverbrechern befasst und eine umfassende und intensive Recherche betrieben. Dabei habe ich mein Wissen zu dem Thema vertieft und einen guten Überblick über dieses Geschichtskapitel bekommen. Die von mir behandelten Punkte sind eine zusammenfassende Veranschaulichung von meinem errungenen Wissensstand und sollen Aufschluss über dieses breitgefächerte Gebiet der Nachkriegsgeschichte geben. Ich verwendete vielseitige Quellen, unter anderem suchte ich das Gespräch mit Personen aus dem Franziskanerkloster Bozen, um mehr über den Aufenthalt Flüchtiger Nazis im selben zu erfahren. Dies gestaltete sich allerdings etwas schwierig. Die Verantwortlichen im Kloster beharren strikt auf der Behauptung, dass sich flüchtige Nazis nie in ihrem Kloster aufgehalten hätten.

Ich konnte das theoretische Wissen über das verfassen einer Facharbeit in der Praxis anwenden und habe dabei nützliches dazugelernt.

An dieser Stelle möchte ich mich bei meiner Tutorin Frau Prof. Monika Trojer bedanken, die mir stets für Ratschläge, Anregungen und Verbesserungsvorschläge zur Verfügung stand.

Quellenverzeichnis

Allgemeine Quellen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Rattenlinien
(Stand 04. 04 2013) http://de.wikipedia.org/wiki/Adolf_Eichmann (Stand 04.04.2013)
http://de.wikipedia.org/wiki/Alois_Hudal (Stand 27.03 2013)

Literatur:

Steinacher, G.: Nazis auf der Flucht. Wie Kriegsverbrecher über Italien nach Übersee kamen, Fischer Tb, Frankfurt a. M. 2010

Stangneth, B.: ”Nein, das habe ich nicht gesagt”. Eine kurze Geschichte der Argentinien-Papiere, in: Einsicht, Bulletin des Fritz Bauer-Instituts, Nr. 5, Wochenschau-Verlag, Schwalbach 2011

Zeitschriften:

Hinterwaldner, K.: Brauner Schatten, in: FF Nr. 04 (2013), S. 54-57.

Internet:

anonym: USA gewährten Nazis Unterschlupf, in: Die Zeit (05.11.2010) unter: http://www.zeit.de/wissen/geschichte/2010-11/nazis-USA-unterschlupf

Fiedler, T.: Nazis auf der Flucht, in: Stern (22.03.2005) unter: http://www.stern.de/politik/geschichte/teil-5-das-verschwinden-der-nazis-nazis-auf-der-flucht-538051-print.html

Hollenstein, P.: Das Rote Kreuz verhalf Tausenden Nazis zur Flucht, in: NZZ (07.09.2008) unter: http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/das-rote-kreuz-verhalf-tausenden-nazis-zur-flucht-1.825790

Lackner, H.: Die Hakenkreuzfahrer: Brisante Details über die Flucht hochrangiger Nazi-Verbrecher. In: Profil (13.08.2008), unter: http://www.profil.at/articles/0832/560/215225/die-hakenkreuzfahrer-brisante-details-flucht-nazi-verbrecher

von Lingen, K.: Rezension zu: Steinacher, Gerald: Nazis auf der Flucht. Wie Kriegsverbrecher über Italien nach Übersee entkamen. Innsbruck 2008, in: H-Soz-u-Kult (06.05.2009) unter:
http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2009-2-087

anonym: So lief Eichmanns Hinrichtung vor 50 Jahren, in: Express (31.05.2012) unter: http://www.express.de/panorama/nazi-verbrecher-so-lief-eichmanns-hinrichtung-vor-50-jahren,2192,16139436.html

Abbildungen:

Abb. 1 Steinacher, G.: Nazis auf der Flucht. Wie Kriegsverbrecher über Italien nach Übersee kamen,
Fischer Tb, Frankfurt a. M. 2010, S.32
Abb. 2 http://xn--dw-fka.at/service/ausstellung/1938/22/22_3.html (27.05.13)
Abb. 3 http://www.srbel.net/wp-content/uploads/2012/09/Krunoslav-Draganović.jpg?lang=lat

(27.05.13)
Abb. 4 http://www.sueddeutsche.de/politik/adolf-eichmann-hinrichtung-vor-jahren-schrecklich-und-
erschreckend-normal-1.1370028-3
(27.05.13)
Abb. 5 http://tracktate.wordpress.com/2012/02/14/wolfe-im-schafspelz-oder-wie-der-vatikan-nazis-
half-nach-argentinien-zu-fluchten/
(27.05.13)
Abb. 6 http://www.dailymail.co.uk/news/article-2099282/How-Nazi-used-ratline-escape-route.html

(10.02.2012)
Abb. 7 http://www.spiegel.de/politik/deutschland/geheimdienst-akten-eichmann-prozess-loeste-html

(27.05.13)

Okt 21

1929 – Der große Crash

Autor: Alexander S.

 


 

 

  • Motivation
  • Die Goldenen Zwanziger
  • Der große Crash
  • Folgen
  • Umdenken
  • Roosevelts “New Deal”
  • Unterschiede zur heutigen Krise
  • Fazit
  • Quellen

 

 

In erster Linie hat mich Frau Prof. Spornberger auf das Thema hingewiesen, da ich mir nicht sicher war, welches Thema ich behandeln könnte. Es sprach mich sofort an, da mich dieses Thema bereits in der Mittelschule fasziniert hat, ich jedoch nie darüber recherchiert habe und es sich daher sehr gut als Einstiegsthema eignete. Ein weiterer Grund warum ich mich für dieses Thema entschieden habe war die derzeitige Wirtschaftskrise die seit 2008 herrscht; ich wollte mich über mögliche Parallelen informieren und schauen, was sich in der Zeit geändert hat bzw. welche Maßnahmen der Entgegenwirkung entwickelt wurden.

 


 

 

 

Die Zeit von 1920 bis 1929 ging als die “Goldenen Zwanziger” in die Geschichte ein. Diese Zeit war geprägt von einem noch nie da gewesenen Wohlstand und es gab weitreichend positive Veränderungen. Zahlreichen technischen Neuerungen wie z.B. die Entwicklung des Flugzeugs oder des Radios sorgten für eine längere Phase soliden Wirtschaftswachstums. Das Fließband machte die Fabrikation von Massengütern möglich. Durch diese moderne Produktion wurde vieles billiger, wodurch ein Massenwohlstand entstand, und auch der Normalverbraucher konnte sich einen gewissen Luxus (Auto, Kino usw.) leisten.

Auch für die Künste und die Literatur waren es wunderbare Jahre und zum ersten Mal wurde die Freizeit als ebenso wichtig wie die Arbeit angesehen.

Die Aktienkurse in den USA waren 1920 relativ niedrig, die Preise stabil und die Reallöhne stiegen stetig ein wenig. Das Vermögen der Leute vergrößerte sich und einige begannen in den Aktienmarkt zu investieren. Als Folge stiegen die Kurse ab 1925. Das spornte weitere Menschen an, Wertpapiere zu kaufen. Die Kurse stiegen weiter. Spätestens 1928 war auch der Letzte von der Idee gepackt worden, schnell und leicht reich zu werden.

Oft genügte das Eigenkapital der Privatanleger nicht, um groß einzusteigen, deshalb borgten sie sich viele Geld von den Geschäftsbanken, sogenannte Maklerkredite. Als Absicherung genügte der eigene Aktienstock. Die Investoren wollten immer mehr Geld, um damit Aktien zu kaufen, was die Geldreserven schwinden ließ. Deshalb erhöhte die Zentralbank den Leitzinsen von fünf auf zwölf Prozent, was aus dem Ausland neues Geld einbrachte, damit wieder genug Kapital für die Anleger bereit stand.

Die Menschen waren sehr optimistisch eingestellt und waren sich sicher, dass sie nur gewinnen können und kauften so immer weiter Aktien.

Zweifel an der Dauerhaftigkeit des Aufschwungs waren bald nicht mehr zulässig, denn wer warnend den Zeigfinger hob, galt als Mann von gestern. Diese Entwicklung bezeichnete der amerikanische Ökonom John Kenneth Galbraith als “Massenflucht aus der Wirklichkeit”.

So entstand eine Blase, die zu Beginn des Jahres 1929 beinahe zum Platzen gebracht wurde. Die Kurse standen so hoch, dass die Kaufkraft erschöpft war und als Folge eine Verkaufswelle einsetzte. Die großen Bankiers und die Federal Reserve Bank ahnten, dass ein Crash folgen könnte. Unzählige Aktien waren nach herkömmlichen Kriterien grotesk überbewertet und auch das Volumen der Maklerkredite war bei Weitem nicht im Gleichgewicht mit dem Volumen der Käufe gegen Sicherheitsleistungen.

Es hätte einer heilsamen Korrektur bedurft, doch niemand tat etwas dagegen. Im Gegenteil, einflussreiche Bankenbosse ermunterten die Käufer, fleißig weiter zu investieren, der Aktienhöchststand sei noch lange nicht erreicht.

Erneut nahm die Zahl der Wertpapierkäufe auf Kredit gewaltig zu, was die Preise wieder steigen ließ. Firmen gaben weitere Aktien heraus, da es langsam an Papieren mangelte. Sogenannte Investment Trusts wurden gegründet. Journalisten ließen sich bezahlen, damit sie Werbung für eine bestimmte Gesellschaft machten. Um das Interesse der Spekulanten zu wecken, entstanden Pools, die eine große Menge einer Aktie kauften, um so künstlich die Kurse in die Höhe zu treiben.

Damit war das Kartenhaus errichtet und es fehlte nur noch ein Windstoß, um es zum Einsturz zu bringen.

 

 


 

 

Im Oktober 1929 wurden sich einige der Gefahr bewusst. Die Kurse lagen zwar noch auf hohem Niveau, sie standen jedoch still, wodurch viele ihrer Kredite nicht zurückzahlen konnten. Der Kapitalzufluss brach ein, das Handelsvolumen nahm deutlich zu. Die gesamte Woche vor dem eigentlichen Zusammenbruch war von Panik und Angst gekennzeichnet.

Der Donnerstag, der 24. Oktober 1929 war der Tag, der als schwarzer Freitag in die Geschichte einging. Es war der Tag, an dem das Gewitter über der Wall Street los brach. Wild gestikulierend liefen Makler über das Börsenparkett und suchte immer hektischer nach Aktienkäufern. Alle wollten plötzlich nur verkaufen, als hielten sie Tiere mit einer ansteckenden Krankheit in ihren Händen. Nachrichtenagenturen verbreiteten das Geschehen über das ganze Land, während sich unzählige erregte Anleger und Bankangestellte vor dem Börsengebäude versammelten, bis die Polizei die Menge auflöste. Eine Selbstmordwelle ging durch das Land. An diesem Tag wechselten 12.894.650 Anteile den Besitzer. Das war eine riesengroße Menge, wenn man das mit einem “normalen” Tag sonst verglich, bei dem ungefähr drei Millionen Anteile gehandelt wurden.

Am nächsten Tag nahm die Zahl der Verkäufe weiter zu. Die Aktienkurse sanken so weit, dass bei vielen Aktionären die Kredite nicht mehr ausreichend durch die Depotbestände gedeckt waren. Die Banken forderten daher den umgehenden Verkauf der Wertpapiere, obwohl sie sich in den Tagen zuvor noch gegen die Verkaufswelle gestemmt hatten bzw. selbst die angebotenen Aktien aufkauften, um so größere Kursrückgänge zu verhindern. Am Montag, dem 28. Oktober 1929, überfluteten riesige Verkaufsaufträge die Börse, so dass die Kurse weiter sanken. Am darauffolgenden Dienstag, dem 29. Oktober 1929, erstickten die Börsen fast in einer Flut von Verkaufsaufträgen.

Das Kartenhaus brach endgültig zusammen. Jeder wollte retten, was noch zu retten war, und verschlimmerte dadurch die Katastrophe. 16,5 Millionen Aktien wechselten an diesem Tag an der New Yorker Börse den Besitzer. Die Verluste aller Aktionäre wurden auf 15 Milliarden Dollar geschätzt.

Es war der Auftakt zur Weltwirtschaftskrise. Bis zum Sommer 1932 verloren die US-Börsenkurse fast 90 Prozent ihres Wertes. Die Panik an der Wall Street war damit nicht nur auf die wenigen Oktobertage beschränkt, sondern das Debakel zog sich bis zum Tiefpunkt rund drei Jahre lang hin. Die Wirtschaftskrise ging erst mit dem Zweiten Weltkrieg zu Ende.

 

 


 

 

Millionen amerikanischer Anleger, angefangen vom Arbeiter bis hin zum superreichen Spekulanten, verloren im Herbst 1929 und später ihre gesamten Investments. Es gab zahllose Bankenzusammenbrüche. Die Industrieproduktion und der Außenhandel brachen zusammen. Tausende Unternehmen machten Pleite, was zu Massenentlassungen führte, die US- Arbeitslosenrate stieg bis 1932 auf über 25%. Das Bruttosozialprodukt brach um 28% ein.

Viele Anleger konnten die Kredite bei der Bank nicht zurückbezahlen, so wurde am Ende ihr Eigentum (z. B. das eigene Haus) gepfändet und zur Versteigerung freigegeben.

Nach den Kurseinbrüchen an der Wall Street brachen in Europa ebenfalls die Aktienmärkte zusammen. Viele verloren ihr Vermögen und Unternehmen gingen in Konkurs. Die USA forderten die Gelder, die sie vielen Ländern vor dem Ersten Weltkriege als Unterstützung geliehen haben, sowie jene, die sie nachher in den Wiederaufbau Deutschlands gesteckt hatten, zurück, wodurch die Weltwirtschaftskrise auch in Europa endgültig ausbrach.

Nach Amerika traf es Deutschland am zweit härtesten, weil es hoch verschuldet aus dem Krieg kam und hohe Reparationsschulden an die Siegermächte zahlen musste. Der 1930 neu ernannte Reichskanzler Heinrich Brüning hatte das Ziel, den Staatshaushalt zu sanieren und die Reparationszahlungen zu beenden. Brüning setzte auf Sparpolitik: Die Gehälter öffentlich Bediensteter wurden um 25% gekürzt, eine Erhöhung der Einkommenssteuer wurde vorgenommen und die Ausgaben im Bereich der Arbeitslosenversicherung wurden gesenkt. Zwar konnte Brüning mit seiner Sparpolitik die Staatsausgaben im darauffolgenden Jahr um 19% senken, jedoch brach die Nachfrage zusammen und die Arbeitslosenrate wuchs bis 1933 auf über 30%.

Die soziale Krise zog eine politische Destabilisierung nach. In Deutschland bedeutete das das Ende der Weimarer Republik und die bis dahin unbedeutende NSDAP bekam in der Reichstagswahl von September 1930 18% und im Juli 1932 37% der Stimmen, was die Machtergreifung Hitlers mit sich führte.

 


 

 

 

Viele prominente Ökonomen, darunter auch John Maynard Keynes, verließen sich nach dem Zusammenbruch der Wirtschaft nicht mehr auf die bisher geltende klassische Wirtschaftstheorie, die auf die Regelung des Marktes durch Angebot und Nachfrage beruhte und von jeglichen staatlichen Eingriffen abriet, sondern forderten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und andere Formen aktiven staatlichen Gegensteuerns.

Eine Wiedergewinnung der Vollbeschäftigung und somit der Weg aus der Krise sei laut Keynes nur durch die staatlich herbeigeführte Erhöhung der Gesamtnachfrage nach Waren und Dienstleistungen erreichbar, nicht aber über flexible Preise und Löhne.

Um diese Überlegungen auch umzusetzen, verfasste Keynes einen Brief an Präsident Roosevelt, um ihn dahin zu bringen, im Rahmen seines “New Deal” die Maßnahmen in den Vordergrund zu rücken, die die Gesamtnachfrage erhöhen, und andere, die Keynes für nicht wirkungsvoll oder nur langfristig wirksam hält, in den Hintergrund treten zu lassen.

 

 


 

 


Für Amerika wendete sich das Blatt im Jahre 1933. Der Kandidat der Demokraten, Franklin D. Roosevelt konnte sich bei den Präsidentschaftswahlen gegen den amtierenden Präsidenten Herbert C. Hoover mit seinem Wirtschafts- und Sozialprogramm, dem sogenannten New Deal, durchsetzen.

Mit dem New Deal wollte Roosevelt die wirtschaftliche Depression überwinden. Die Armut und die Arbeitslosigkeit im Land sollte dadurch bekämpft und den amerikanischen Bürgern soziale Sicherheit gewährt werden.

Folgende Maßnahmen wurden von der Regierung ergriffen:

  • Staatliche Arbeitsprogramme wurden gestartet, die mehreren Millionen Menschen Arbeit boten. Der Staat investierte in die Erneuerung und den Neubau von verschiedenen öffentlichen Einrichtungen, wodurch die Kaufkraft vermehrt und die Wirtschaft angekurbelt werden sollte.
  • Kontrolle der Banken und Börsen durch das sogenannte Banken-Notgesetz (Staatliche Kontrolle)
  • Einsparungsgesetz: Gehälter der Bundesbediensteten um 15% gekürzt, Verwaltung wurde vereinfacht
  • Gründung der Tennessee Valley Authority Organisation: Raumsanierungs- und Elektrifizierungsprogramm brachten einen verbesserten Lebensstandard mit sich
  • Landwirtschafts-Anpassungsgesetz: finanzielle Unterstützungen für notleidende Farmer durch den Staat
  • Staatliche Überwachung von Arbeitsverhandlungen der Gewerkschaften, wobei diese Koalitionsfreiheit besaßen (Recht, sich frei zu organisieren)
  • Sozialgesetze: Mindestlöhne für Industriearbeiter; Arbeitslosen-, Renten-, Alters- und Krankenversicherung; Einführung eines progressiven Steuersystems

Franklin D. Roosevelts New Deal half den USA zweifellos wieder aus der Krise. Das Bruttosozialprodukt der USA stieg von 55,6 Milliarden Dollar auf 90 Milliarden Dollar, die Staatsverschuldung stieg jedoch von $22,5 Mrd. auf $40 Mrd. Auch die Demokratie konnte als Staatsform erhalten werden. .
Mit dieser Vorgehensweise betrieb die Regierung Wirtschaftspolitik nach dem englischen Ökonomen John Maynard Keynes. Dessen nachfrageorientierte Politik hatte die Verschuldung des Staates zugunsten der Vollbeschäftigung als den Schlüssel zum gesamtwirtschaftlichen Erfolg im Sinn.

 

 


 

 

 

Um zukünftige Blasen im Finanzsektor zu vermeiden, wurde in den USA das
Trennbankensystem eingeführt, wodurch Investmentbanken, die vor allem der Unterstützung des Handels an Finanzmärkten durch so genannte Investmentgeschäfte dienten, von den Geschäftsbanken, deren Geschäftstätigkeit aus der Vermögensverwaltung ihrer Kunden bestand und die aber einer schärferen Aufsicht unterlagen, strikt getrennt wurden.

Dieses Konzept sollte verhindern, dass die risikoreichen Bankgeschäfte das tägliche Bankgeschäft beeinträchtigten oder Kundeneinlagen gefährdeten, denn den Banken im Umgang mit Einlagen zu viele Freiheiten zu geben, ist keine gute Idee.

Der Börsenkrach und die Weltwirtschaftskrise von 1929 brachten einige Veränderungen mit sich und waren ausschlaggebend für ein totales Umdenken der Regierungen, Banken sowie der Ökonomen. Als Folge dessen können zukünftige Krisen viel besser gehandhabt werden, wie z.B. die aktuelle Krise, die 2008 ausbrach.

Im Gegensatz zu 1929 steht das Bankensystem nicht vor dem Zusammenbruch. Die Krise von 2008 forderte nur eine überschaubare Anzahl an Instituten in die Knie. Finanzunternehmen, die auf Geld vom Kapitalmarkt angewiesen waren, wie beispielsweise unabhängige Investmentbanken, gingen entweder bankrott, wurden übernommen oder in normale Geschäftsbanken umgewandelt.

In den 1930er-Jahren gab es noch keine Einlagensicherung, welche die nervösen Sparer beruhigt hätte. Viele sahen sich dazu veranlasst, ihre Einlagen abzuheben, wodurch es zu unzähligen Bankpleiten kam.

Einen weiteren Unterschied finden wir in der Geldpolitik. Als nach dem Börsenkrach von 1929 das Preisniveau sank, drosselte die Federal Reserve die Geldmenge. Das verstärkte den ohnehin bereits vorhandenen Deflationsdruck und führte zu einem jährlichen Preisverfall von 10%.

Heutzutage würde die Federal Reserve Liquidität in den Markt pumpen oder den Zinssatz senken und somit die Geldmenge erhöhen anstatt zu drosseln.

Die damaligen Maßnahmen von US-Präsident Hoover erwiesen sich teilweise sogar als kontraproduktiv und trugen dazu bei, den Abschwung noch weiter zu verschlimmern, wie z.B. die Erhöhung der Zölle und der Einkommenssteuer.

Heute würde man Rettungspakete für Banken sowie andere Maßnahmen zur Unterstützung verschuldeter Hausbesitzer verabschieden und dem Rückgang des privaten Konsums mit staatlichen Eingriffen entgegenwirken.

Einen letzten Unterschied zur damaligen Krise finden wir in der Solidarität der anderen Staaten. Damals brach der Welthandel durch erhöhte Zölle zusammen, heute versucht man gegenseitig angeschlagene Banken zu retten und schwächelnde Volkswirtschaften zu stimulieren.


 

 

Meiner Meinung nach haben wir sehr wohl aus der Geschichte gelernt und haben deshalb die heutige Krise besser bewältigt als damals.